Mittwoch, 23. April 2014

50 Tage bis zur WM: Brasiliens Straßen


In der Woche vor Karneval hatte ich einen Event mit einer deutschen Journalistengruppe. Diese fragten mich ganz erstaunt, warum man noch keine Hinweise, wie Fahnen oder Poster, auf die WM sehen würde. Einer der Gründe war damals sicherlich, dass sich Brasilien noch auf den Karneval konzentrierte. Ein anderer ist aber die angespannte Lage in Brasilien.
Die Leute freuen sich zwar auf die WM und wollen natürlich ihre Seleção anfeuern, aber FIFA-Symbole sind weiterhin nicht gerne gesehen. Ein Indiz dafür ist, dass vor vier Jahren in Südafrika 50 Tage vor der WM der WM-Song in einem öffentlichen Event präsentiert wurde. Das hat man in Brasilien gestrichen.


Aber inzwischen laufen Werbungen im Fernsehen und auf den Straßen im Zusammenhang mit der WM auf Hochtouren. Das hat sich ganz klar geändert. Dabei wird natürlich wieder stark an das Nationalgefühl appelliert.


Ich habe diese Woche aber auch einen Protestmarsch der Ladenbesitzer der Rua Carioca im Zentrum von Rio gesehen. Die historische Straße wurde scheinbar komplett an Investoren verkauft. Dagegen wehren sich die lokalen Händler. Rios Zentrum wurde im Zuge der Olympiainvestitionen zu einem Spekulationsobjekt.



Ebenfalls im Zentrum liegen die Straßen der Ramschläden. Dieser Bereich wird wegen der arabischen Händler „Sahara“ genannt. Hier läuft der Fanartikelverkauf für die WM auf Volldampf. Kaum ein Geschäft ist nicht in gelb und grün gehüllt. Im Fernsehen gab es eine Reportage, die zeigte, dass diese Händler sehr zufrieden sind. Brasilien bereitet sich auf die Spiele seiner Nationalmannschaft vor. Man rechnet mit Partys.

Dienstag, 22. April 2014

Erster Spieltag

Ufa! Entwarnung! Der erste Spieltag der ersten und zweiten brasilianischen Liga wurde gespielt. Zumindest fanden fast alle Spiele komplett statt. In der ersten Liga hat Fluminense sein Heimspiel gegen Figueirense mit 3:0 gewonnen und Flamengo 0:0 gegen Goiás gespielt. Die Ausnahme ist das Spiel der Portuguesa in der zweiten Liga. Das Team trat bei seinem Auswärtsspiel in Joinville an, verließ den Platz aber nach 17 Minuten.
Grund dafür war eine Eilverfügung eines Richters, die das Spiel für ungültig erklärte. Angeblich würde das Spiel in ein laufendes Verfahren eingreifen. Portuguesa kämpft vor Gericht um seine Rückkehr in die erste Liga, was wohl zum Abstieg von Fluminense oder Flamengo führen würde. Mit den Spielen wurden jetzt aber neue Tatsachen geschaffen, die wohl kaum umkehrbar sind.
Vertreter von Portuguesa haben zwar zunächst gesagt, dass die Eilverfügung die Ausführung des Spieles untersagt hätte. Dem ist aber scheinbar nicht so. Es wäre wohl für Portuguesa besser gewesen das Spiel auszutragen und zu versuchen Punkte mitzunehmen. Jetzt wird man die Punkte sicher verlieren und beginnt die Meisterschaft als Schlusslicht. Der Prozess um den Verbleib in der ersten Liga scheint inzwischen auch juristisch verloren zu sein.

Es scheint viel mehr, dass Portuguesa mit dem Spielabbruch noch versucht hat Verwirrung zu stiften, um so doch noch positive Gerichtsurteile oder eine Entschädigung des Verbands zu erreichen. Die Logik hätte aber verlangt, dass Fluminense und Flamengo auch nicht hätten spielen dürfen. Hier gab es aber kein juristisches Eingreifen. Somit gehe ich jetzt davon aus, dass Portuguesa seine gerichtlichen Bemühungen einstellt und die Meisterschaft in der aktuellen Form gespielt wird. 

Mittwoch, 16. April 2014

Vorschau: Brasilianische Meisterschaft 2014

Am kommenden Osterwochenende scheint die brasilianische Meisterschaft 2014 zu beginnen. Scheint? Ja, so 100% sicher bin ich mir noch nicht, denn es sind noch Prozesse vor Gericht am Laufen. Erinnern wir uns: Am letzten Spieltag 2013 war Fluminense abgestiegen. Doch schon wenige Stunden, nachdem die Teams die Rasen verlassen haben, wurde bekannt, dass sowohl Flamengo, als auch Portuguesa am letzten Spieltag gesperrte Spieler eingesetzt haben. Nach Ligareglement bedeutet das Punktabzüge, die Fluminense retteten und Portuguesa in die zweite Liga versetzten. Das war dann auch genau die Entscheidung der Sportgerichtsbarkeit.
Doch einige Fans von Portuguesa zogen vor Zivilgerichte, was der Verein selber Anfang April auch tat. Dort bekam Portuguesa seine Punkte zurück. Da Flamengo diesen Schritt nicht wagte, war zu diesem Zeitpunkt Flamengo abgestiegen. Der Grund dafür ist, dass sowohl die FIFA, als auch der CBF zivile Gerichte in sportlichen Fragen nicht anerkennt. Deswegen führte der CBF Portuguesa bei der Spielplanverkündung immer in der zweiten Liga. Inzwischen gab es auch zivilgerichtliche Entscheidungen, die die Position der CBF stützen. Deshalb geht man davon aus, dass am Wochenende Flamengo und Fluminense in der ersten und Portuguesa in der zweiten Liga spielen werden. Es könnte aber auch noch eine kurzfristige Gerichtsentscheidung geben, die das unterbindet und dann werden wir wohl keine Spiele haben.
 Fluminense hat sein Auftakspiel für Samstag gegen Figueirense und Flamengo für Sonntag gegen Goiás angesetzt. Portuguesa soll hingegen schon am Freitag in Joinville spielen. Wenn Portuguesa am Freitag aufläuft, dann ist die Sache geregelt. Bis dahin wird es wohl noch viele Verhandlungen geben. Ich glaube, dass die Spielpläne so wie von der CBF vorgeschlagen stattfinden werden. Aber es gibt eben noch eine kleine Unsicherheit.
Da 2014 ein WM-Jahr ist, wird die Meisterschaft mal wieder für sechs Wochen unterbrochen. Bis zum 01.06. werden die ersten neun Spieltage ausgetragen und ab 16.07. folgen die restlichen 29. Diese Unterbrechung ist oft ein Stolperstein für die Favoriten, denn in sie fällt das Transferfenster. Mannschaften, die zu Beginn der Meisterschaft gut spielen, verlieren oft ihre besten Spieler an europäische Klubs und stürzen dann ab.
Es ist auch schwierig Favoriten auszumachen. Die Mannschaften aus Rio sind in einem bemitleidenswerten Zustand. Vasco ist in der zweiten Liga, Fluminense ein Abstiegskandidat. Flamengo und Botafogo haben sich schon in der Vorrunde im Libertadorespokal blamiert. Ich sehe keine dieser Mannschaften als Meisterkandidat. In São Paulo hat sich kein Team für den Libertadorespokal qualifiziert und in der Landesmeisterschaft wurden die vier großen von dem Provinzverein Itu vorgeführt.

Bleiben noch die Klubs aus Belo Horizonte und Porto Alegre. Cruzeiro und Atlético-MG spielen gut und sind weiter im Libertadores vertreten. Die Doppelbelastung macht aber oft zu schaffen. In Porto Alegre hat Internacional die Landesmeisterschaft gewonnen und Grêmio ist weiter im Libertadores vertreten. Ich glaube Grêmio ist mein Favorit. Oder wird es ein Außenseitersieg einer Mannschaft aus dem Nordosten oder Santa Catarina? Lassen wir uns überraschen!

Dienstag, 15. April 2014

Meister der Landesligen 2014

Am Sonntag endeten die meisten der 27 Landesligen Brasiliens. Die größte Überraschung war sicher der Titelgewinn von Itu in São Paulo. Hier eine Auswahl der Titelträger.

Bundesstaat
Meister 2014
Bahia
Bahia
Goiás
Atlético – GO
Maranhão
Sampaio Corrêa
Mato Grosso
Cuiabá
Mato Grosso do Sul
CENE
Minas Gerais
Cruzeiro
Paraná
Londrina
Rio de Janeiro
Flamengo
Rio Grande do Sul
Internacional
Santa Catarina
Figueirense
São Paulo
Itu


Seit 2013 gibt es wieder einen Pokal des Nordostens. Dieser wurde von Sport Recife gewonnen. Im Finale konnte die Mannschaft aus Pernambuco Ceará aus Fortaleza mit 2:0 und 1:1 besiegen.

Montag, 14. April 2014

Flamengo – Vasco, 1:1


Dann war die Woche doch nicht so rabenschwarz für Flamengo, wie erwartet. Der Klub aus der Gavea hätte in sieben Tagen drei Titel verlieren können. Aber das 1:1 im Finalrückspiel gegen Vasco war genug, um die 33. Riomeisterschaft zu gewinnen. Knapp 50.000 Zuschauer wollten den Kampf der Giganten sehen. Somit ist vieles wie gehabt: selbst ein Finale ist nicht ausverkauft. Das Spiel war schlecht und wurde mit unglaublichen acht gelben und zwei roten Karten gekrönt.


Nach den Platzverweisen öffneten sich wenigstens die Räume und das Spiel wurde besser. In der 75. Minute bekam Vasco einen Elfmeter zugesprochen und verwandelte diesen. Nach der schlechten Darbietung Flamengos bis zu diesem Zeitpunkt wähnten sich die Fans mit dem Malteser Kreuz schon am Ziel ihrer Träume. Kurz vor Schluss gab es sogar eine Pitchinvasion. Der Fan wollte klar das Spiel unterbrechen und so Flamengo aus dem Rhythmus bringen. Aber der Schiedsrichter bemerkte den Zwischenfall gar nicht.


Die Aktion verpuffte und in der 91. Minute gelang Flamengo ein, wegen Abseits, irregulärer Treffer. Der Schiedsrichter bemerkte das Abseits nicht und gab den Treffer. Die letzten vier Minuten konnte Flamengo dann über die Zeit retten.
Vor mir auf den teuren Plätzen kam es wieder ein Mal zu Handgreiflichkeiten unter Flamengofans. Man sagt immer die Fanklubs und die billigen Stehplätze wären an der Gewalt Schuld und ich habe noch nie so viele Schlägereien, wie auf der neuen Haupttribüne gesehen. Schon witzig.



Das wars mit der Riomeisterschaft 2014. An Ostern geht die brasilianische Meisterschaft los.

Mittwoch, 9. April 2014

Niemand verliert so schön, wie Flamengo


Flamenguistas reißen immer die Klappe auf, um Allen zu erklären wie toll Flamengo ist. Man meint sie würden alljährlich viele tolle Titel gewinnen. Die Wahrheit ist eine andere. Der letzte internationale Titel datiert von 1981! Die letzten Libertadoresteilnahmen wurden immer von homerischen Niederlagen gekrönt. Da war zum Beispiel 2008 der 4:2 Sieg gegen America aus Mexico, um dann im Maracanã 0:3 zu verlieren.


Ich kann mich auch an eine erst kürzliche Last-Minute-Niederlage in der Gruppenphase erinner, bei der die Frage der Qualifikation aufgrund der Kombination der Ergebnisse in der Nachspielzeit des letzten Spieltags sich mehrfach änderte.


Heute musste Flamengo sein Heimspiel gegen Leon aus Mexiko gewinnen und hat 2:3 verloren. Noch letzte Woche wurde ein glorreicher Auswärtssieg gegen Emelec in Equador gefeiert, aber daheim wird die Qualifikation wieder versemmelt. Erster in der Gruppe wurde völlig überraschen Bolivar aus Bolivien.




Aber ein Unglück kommt selten Allein. Bis gestern war die brasilianische Meisterschaft von 1987 nicht entschieden. Sport Recife und Flamengo fühlten sich als Meister. Gestern hat ein Gericht entschieden, dass Sport Meister ist. Damit hat Flamengo nur 5 Meisterschaften und Sao Paulo FC darf mit 6 Meisterschaften sich als Rekordmeister fühlen. (Und den sogenannten Kugelpokal behalten, den Flamengo wollte). 

Freitag, 4. April 2014

Garrincha: : „Die Krone ist auf dem falschen Haupt.“


Schon vor zwei Wochen war ich in Pau Grande, komme aber erst jetzt dazu die Erlebnisse aufzuschreiben. In dem Dorf Pau Grande, am Fuß des Gebirges von Petropolis wurde Garrincha geboren. Grund genug für Wolfgang, Anja und mich aufs Land zu fahren. Im Auto sprachen wir über unsere Erwartungen, die eigentlich nicht besonders groß waren. Wir wussten, das Pau Grande wegen einer englischen Textilfabrik gegründet wurde (in der Garrincha und seine Familie gearbeitet hat), die sich strategisch an der Eisenbahnlinie und der alten Straße nach Petropolis angesiedelt hatte. Der Ort soll weiterhin idyllisch und dörflich sein, aber wegen seiner Abgeschiedenheit kann man nicht wirklich Referenzen an Garrincha erwarten.


An der Mautstelle des Autobahnrings fragen wir nach dem Weg, der nicht einfach ist, denn man muss eine Ausfahrt nehmen, um auf der anderen Spur wieder in Gegenrichtung die eigentliche Abfahrt zu erreichen. So kommen wir in Pau Grande an. Der Ort ist so verschlafen, wie wir es uns vorgestellt hatten. Er wird von einer Avenida durchquert, die direkt auf die Fabrik führt. Links und rechts davon stehen die typischen Arbeiterhäuschen in einheitlichem Stil.


Wir parken und werden schon kritisch beäugt. Die erste Person, mit der wir sprechen – Rodrigo – erzählt uns alle Einzelheiten aus dem Leben von Garrincha und führt uns zum sehr schönen Bolzplatz der Stadt. Die Textilfabrik wurde verkauft und produziert jetzt Limonade aus dem Bergwasser. Das ganze Dorf arbeitet dort – wie früher. Dann zählt uns Rodrigo noch alle Nachfahren von Garrincha auf und entlässt uns am Haus seiner Enkelin Sandra.


Es sticht zwischen den anderen Häusern hervor, da es knallgelb angestrichen ist und Bilder von Garrincha an ihm angebracht sind. Wir sprechen mit Sandras Mann, der uns erklärt, dass ihr Haus von einer TV-Sendung hergerichtet wurde, die die Garage zu einer Sportsbar umgebaut haben. Wir besuchen die Bar, die sehr fremd in Pau Grande wirkt, und bestellen Getränke und Pasteten. Dann kommt Sandra: „Die Krone ist auf dem falschen Haupt.“, erklärt sie uns. Damit will sie sagen, dass, ihrer Meinung nach,  nicht Pele, sondern Garrincha der König des Fußball sei. Danach beklagt sie sich, dass die Regierung nicht mehr in Pau Grande investiert, dass es kein Garrinchamuseum gibt und, dass die wenigen Gäste nur Fotos von ihrer Bar machen und nichts konsumieren.


Immerhin versucht sie ein Business aufzuziehen und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ihre Mutter und Tanten hatten da eine andere Einstellung. Sie wollten, als Töchter Garrinchas Geld verdienen und stellten Interviews in Rechnung. Die meisten von Garrinchas direkten Nachkommen leben in sehr schwierigen Lebensverhältnissen.


Wir ziehen weiter und sehen das örtliche Stadion, die Turnhalle, die Garrincha-Grundschule und eine Büste. Es ist schon witzig, dass die Schule nach Garrincha benannt wurde, das Stadion aber nicht. Die Lampen der Straßenbeleuchtung sind in Form von Fußbällen gemacht. Irgendwie atmet das Dorf den Geist von Garrincha, die direkte Spurensuche gestaltet sich aber trotzdem schwierig. Wir hören noch mehrfach die Klagen, über das Vergessen der Regierung und dass nicht in Pau Grande investiert wird.


Auf der Rückfahrt überlegen wir, was wirklich gemacht werden könnte. Würde es Sinn machen ein staatliches Garrinchamuseum in Pau Grande zu errichten? Die ernüchternde Antwort ist: Wohl kaum. Die Anfahrt war extrem schwierig und nur machbar, weil wir ein Auto haben und Portugiesisch sprechen. Es gäbe eine Zuglinie in der Nähe, die aber als gefährlich und verwahrlost gilt. Außerdem: wenn man das Museum gesehen hat, was macht man dann? Im Gegensatz zu den oberen Städten des Gebirges ist Pau Grande unglaublich heiß und stickig. Es gibt nicht einmal eine Pension oder Hotel. Das angrenzende Mage ist sogar geradezu hässlich. Warum sollte also ein ausländischer Tourist hierher fahren? Für Brasilianer ist wohl am schwierigsten, dass der Ortsname „großer Stock“, aber eben auch „großer Penis“ bedeutet.


Hier folgt noch der Auszug über Garrincha aus meinem Buch, was eine Antwort auf die Tese von Alex Bellos darstellt:  

Garrincha, eine der großen mythischen Gestalten des Weltfußballs, wurde 1933 als Manoel Francisco dos Santos in Pau Grande, im Hinterland von Rio de Janeiro, geboren. Hauptarbeitgeber in seinem Geburtsort, dessen Name mit „Großer Penis“ übersetzt werden könnte, war eine englische Textilfabrik, in der fast alle Männer des Dorfes arbeiteten. Auch Garrincha unterschrieb dort mit 14 Jahren seinen ersten Arbeitsvertrag und kickte bald in der Betriebself. Dort wurde man auf sein Talent aufmerksam und so bekam er Arbeitserleichterungen, um seine Kräfte für die Spiele zu schonen. Er wird oft als der unbekümmerte Junge vom Land beschrieben, der seine freie Zeit damit verbrachte, dem Ball oder den Tieren des tropischen Regenwalds nachzujagen. Daher auch sein Spitzname Garrincha: Strohschwanzschlüpfer, ein kleiner, brasilianischer Vogel. Bald fand der junge Fabrikarbeiter aber auch Gefallen an der Jagd auf das andere Geschlecht. Seine Eroberungen wurden legendär.
Garrincha wird gerne mit Curupira, einer Figur der indianischen Mythologie verglichen. Dieser Pumuckel-ähnliche Waldkobold blickt nach vorne, während seine Füße nach hinten verdreht sind. So kann er unkontrollierbare und unvorhersehbare Haken schlagen. Garrincha wurde mit zwei gegensätzlich verdrehten Säbelbeinen geboren, die jegliche sportliche Betätigung unwahrscheinlich machen. Doch gerade diese O-Beine ermöglichten ihm die unvorhersehbaren Dribblings, die seine Karriere bestimmten und ihn berühmt machten.
Mit 19 Jahren wurde er von dem Verein Botafogo in Rio de Janeiro entdeckt und verpflichtet. Die Legende erzählt, er habe alle seine Verträge blanco unterschrieben und wurde von dem Verein, bei dem er fast seine gesamte Karriere blieb, ausgenutzt. Bei Botafogo traf er auf Spieler wie Didi, Zagallo und vor allem Nilton Santos, dem Rückgrat der Nationalmannschaft, die 1958 nach Schweden zur WM fuhr.
Nach den Enttäuschungen bei den Turnieren in Brasilien und der Schweiz wollte Brasilien 1958 unbedingt den Titel gewinnen. Trainer Vicente Feola wurde mit fast unbeschränkten Mitteln und Befugnissen ausgestattet. Ein zwölfköpfiger Trainerstab mit Ärzten, Psychologen und Assistenten wurde ihm zur Seite gestellt. Wie schon 1938 begann die Vorbereitung Monate vor der WM mit einem Trainingslager, diesmal in Poços de Caldas. Ein Gesundheitscheck offenbarte den erschreckenden Gesundheitszustand, in dem sich die Nationalspieler befanden: 470 zu behandelnde Zähne, von denen 32 gezogen werden mussten, Würmer, Parasiten und sogar Syphilis. In dem dazugehörigen Intelligenztest schnitt Garrincha schlecht ab: mit dem bei ihm ermittelten IQ hätte er in Brasilien nicht einmal Bus fahren dürfen.
Schon zwei Wochen vor dem ersten WM-Spiel kam die Seleção nach Europa, um sich mit Testspielen in Italien vorzubereiten. An dem Mythos Garrincha wurde dann auch in Schweden fleißig weitergestrickt. Zum einen zeugte Garrincha in Schweden einen Sohn namens Ulf, zum anderen wurde er überall als naiv und geistig beschränkt dargestellt. So kursiert die Geschichte, er habe in Schweden ein Radio gekauft. Doch nachdem ihm ein Mitspieler sagte, dass dieses ja nur Schwedisch sprechen würde, habe Garrincha das Radio weggeworfen.
Nebenbei wurde auch noch Fußball gespielt. Für die Partien gegen Österreich (3:0) und England (0:0) wurde Garrincha nicht berücksichtigt. Dafür zeigte er im letzten Vorrundenspiel gegen die Sowjetunion (2:0) sein ganzes Können und wurde zu einem festen Bestandteil der Nationalmannschaft. Brasilien besiegte anschließend Wales (1:0), Frankreich (5:2) und im Finale Schweden (5:2). Der unbekümmerte, naive und verspielte Stil Garrinchas war mitentscheidend für den ersten Titel des Fußballriesen Brasilien. Fortan wollte sich das Land exakt mit jenen Eigenschaften identifizieren, die João Lyra den Brasilianern zuvor negativ zugeschrieben hatte. Man wollte die Curupira des Weltfußballs sein.
Doch der Höhepunkt in Garrinchas Karriere sollte noch folgen - und gleichzeitig seinen Niedergang einleiten. Garrincha war seinerzeit mit seiner Jugendliebe Nair verheiratet, mit der er insgesamt neun Kinder hatte. 1961 lernte er die berühmte Sambasängerin Elza Soares kennen und begann eine Beziehung mit ihr. Seine erste Ehe wurde geschieden. Just zur selben Zeit stürmte Elza mit dem Titel „Ich bin die Andere“ die Charts. Zuvor hatte die brasilianische Öffentlichkeit stets den Mantel des Schweigens über frühere Eskapaden gedeckt. Die nun öffentlich zur Schau gestellte Untreue aber war zu viel, und das Paar wurde schwer angegriffen.
Im Vorfeld der WM 1962 beruhigten sich die Dinge. Erneut bereitete der Fußballverband alles akribisch vor. Es wurden sogar chilenische Prostituierte ausgewählt und einem Gesundheitscheck unterworfen, damit sie den Spielern gefahrlos zur Verfügung standen. Das Weltturnier 1962 wurde zum großen Schaulaufen Garrinchas. Er gewann den Titel quasi im Alleingang und erzielte vier Tore. Die Vorrunde überstand Brasilien mit Siegen gegen Mexiko (2:0) und Spanien (2:1) und einem Unentschieden gegen die Tschechoslowakei (0:0). In der K.o.-Runde besiegte man im Viertelfinale England (3:1) und im Halbfinale Gastgeber Chile (4:2). In diesem Spiel wurde Garrincha wegen eines Revanchefouls, das nur der Linienrichter gesehen hatte, vom Platz gestellt. Für das Finale gegen die Tschechoslowakei wäre er damit eigentlich gesperrt gewesen.
Zum Zeitpunkt der Berufungsverhandlung befand sich der französische Schiedsrichterassistent jedoch schon wieder zuhause, und der Schiedsrichter konnte nur wiederholen, dass er das Foul nicht gesehen habe. Die Sperre gegen Garrincha wurde daraufhin aufgehoben. Brasilien konnte das Finale also in Bestbesetzung bestreiten und sicherte sich mit einem ungefährdeten 3:1-Sieg den zweiten WM-Titel. Nach dem Schlusspfiff stürmte Elza Soares in einem grün-gelben Kleid in die Duschen der Umkleidekabine und bedeckte Garrincha inmitten seiner nackten Mitspieler mit Küssen.
Die Weltmeisterschaft 1962 in Chile gilt als die WM Garrinchas. Er befand sich auf seinem Karrierehöhepunkt. Nach der Rückkehr nach Rio de Janeiro spielte er eine brillante Saison in der Stadtmeisterschaft von Rio de Janeiro. Das Finale gegen Flamengo gilt als das beste Spiel seiner Laufbahn und läutete zugleich das Ende seiner Karriere ein. Die krummen Beine belasteten die Knie zu sehr und er musste operiert werden. Anschließend fand er nie mehr zu alter Form zurück.
Gleichzeitig wuchsen seine Probleme außerhalb des Spielfeldes. Noch heute gilt Garrincha in Brasilien als das Schmuddelkind des Fußballs und wird eher kritisch beurteilt, ja oft sogar in den Bestenlisten vergessen. Mit seiner naiven und unbekümmerten Art verkörpert er die ungebildete und instinktgetriebene Seite Brasiliens, die von Lyra so kritisiert wurde. Seine Frauenaffären, besonders die mit Elza Soares, wurden ihm zum Verhängnis. Nach dem Militärputsch 1964 wurde das Paar vom Geheimdienst beobachtet, später durchsuchte man sogar ihr Haus. 1970 sahen sich beide gezwungen, zwei Jahre in Rom zu verbringen, um dem Rummel zu entfliehen.
Dazu kam Garrinchas Alkoholismus-Krankheit, mit der er quasi aufgewachsen war, denn seine Eltern gaben ihren Kindern Schnuller, die mit Honig und Schnaps gefüllt waren. Nach einem von Garrincha verschuldeten Autounfall, bei dem Elzas Mutter starb, fiel er in Depression. An Fußballspielen war nicht mehr zu denken. In den frühen 1980er Jahren wurde er mehrfach volltrunken auf der Straße gefunden und verstarb am 20. Januar 1983 nach einer letzten durchzechten Nacht.

Damit verfügte das Leben Garrinchas über sämtliche Elemente, die ihn als exotischen Vertreter des südamerikanischen Fußballs interessant machen. Diese Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn mag für Europäer attraktiv sein, für Brasilianer ist sie Ausdruck von Unprofessionalität und Unsportlichkeit und wird als primitiv abgelehnt. Garrincha wurde für seine Landsleute zu einem neuen Barbosa. Ein Mann, der vom Ruhm in die Asche gefallen ist. 

Montag, 31. März 2014

Fluminense – Vasco, 0:1


Cabo Frio – Flamengo 0:3, 5.128 Zuschauer

Vasco – Fluminense 1:1, 12.715 Zuschauer

Flamengo – Cabo Frio 3:1, 9.327 Zuschauer

Fluminense – Vasco 0:1, 19.586 Zuschauer

Das macht einen Zuschauerschnitt von 11.689 und ein Finale aus Flamengo und Vasco. Der Publikumszuspruch in den Halbfinals der Riomeisterschaft ist eine Bankrotterklärung des brasilianischen Fußballs. Nicht einmal die Derbys haben wirklich interessiert. Trotz WM ist der brasilianische Fußball eigentlich in einer Krise.


Letztes Jahr haben sich einige Profispieler zu einer Spielervertretung mit Namen Bom Senso FC (FC Gesunder Menschenverstand) zusammengeschlossen. Sie kritisieren besonders die Regionalmeisterschaften und sind deshalb den Funktionären regionaler Verbände ein Dorn im Auge. Diese Woche gab es einen Schlagabtausch zwischen Bom Senso FC und dem Präsidenten des Verbands von Rio de Janeiro. Ich übersetze einfach mal die Antwort von Bom Senso FC. Daraus kann man auch die Aussagen des Präsidenten schließen.
Es ist schade, dass der Herr Präsident Rubens Lopes unsere Vorschläge nicht kennt. Zu den Tatsachen:
· Eine Meisterschaft, in der Flamengo vor 375 Zahlenden spielt und die Hinspiele des Halbfinales einmal etwas mehr als 3.000 Zahlende und das andere Mal etwas mehr als 9.000 Zahlende haben, ist seltsam. Eine Meisterschaft, in der 15 wertlose Spieltage ausgetragen werden, um dann den immer verzichtbareren Titel in vier Spieltagen zu entscheiden.  
· Die Idee die Regionalmeisterschaften in nur acht Spieltagen auszutragen stammt nicht Von einer einzelnen Person, sondern Von einer Gruppe, die im Konsens entschieden hat. In der Vorstellung dieser Personen ist es besser die Regionalmeisterschaften in wenigen Spieltagen auszutragen, dafür immer spannende und entscheidende Spiele zu haben, statt lange und langweilige Meisterschaften ohne Attraktivität zu organisiere, wie es im Moment passiert.
· Es scheint so, als ob der Herr Präsident nicht wüsste, dass unser Vorschlag den etwa 700 brasilianischen Profiklubs Spiele über etwa 10 Monate im Jahr garantieren. Dies soll in den Serien A, B, C, D und E geschehen. Also haben wir nie vorgeschlagen, dass die Klubs nur knapp zwei Monate spielen. (Unsere Vorschläge können hier eingesehen werden: http://www.bomsensofc.org/#propostas ).
· Im Gegensatz zu dem was sie sagen, ist es das aktuelle System, das die Spieler arbeitslos macht. Von den etwa 700 Profiklubs spielen etwa 500 nur etwa drei Monate und sind den Rest des Jahres inaktiv.
· In der aktuelle Riomeisterschaft sind keine 10.000 Athleten aktiv. Letztes Jahr nahmen 73 Klubs an den 3 Ligen teil. Wenn jeder Verein 30 Spieler hat, dann kommt man auf höchstens 2.200 Athleten.

Es geht den Spielern also darum zum einen die Attraktivität der Spiele und Meisterschaften zu garantieren und zum anderen aber auch die Arbeitsverhältnisse zu sichern. Was sie dabei vergessen, ist, dass die kleinen Vereine, die im Moment wenigstens noch ein paar Monate gegen große spielen dürfen, in ihrem Vorschlag in die Serie E abgeschoben werden würden. Diese Vereine leben aber davon, dass sie ihre Spieler in einer gut sichtbaren Vitrine anpreisen und dann verkaufen können. Für Fans, Spieler und Vereinsfunktionäre der großen Klubs wären die Vorschläge des Bom Senso FC sicherlich gut.  
Die Halbfinalspiele waren auf jeden Fall ziemlich schlecht und uninteressant. Da haben sich zumindest die Fluminensefans die Zeit mit Schlägereien und Rennereien vertrieben. Es war nicht ganz klar, was passiert ist, aber ich habe eine Vermutung. Die großen traditionellen Torcidas im Falle von Vasco und Fluminense sind: Torcida Jovem do Vasco und Young Flu. Beide sind nicht mehr sichtbar, d h es gibt von ihnen keine Transparente oder Fahnen. Ich gehe also davon aus, dass sie Stadionverbot haben. Aber einzelne Mitglieder von ihnen sind natürlich im Stadion.


Gut sichtbar sind hingegen die neuen Torcidas mit ihren argentinischen Gesängen: Gueirreiros do Almirante (Vasco) und Legião Tricolor (Fluminense). Ich vermute nun, dass es hier einen Verdrängungsprozess gibt und die Mitglieder der traditionellen Torcidas damit gar nicht zufrieden sind. Irgendwer ist dann wahrscheinlich am Kiosk in der Halbzeitpause aneinander geraten und in einem Dominoeffekt hat sich das dann auf die Tribünen verbreitet.


Ich schließe diesen Vorgang daraus, da zu beobachten war, wie die Polizei begann Gruppen von Fluminensefans zu trennen. Es ist schon auch lustig, dass man die neuen Stadien mit dem Versprechen baut, dass so etwas nicht mehr passieren kann und es passiert dann doch. Leider konnte ich nicht zum Ort des Geschehens vordringen, denn die Polizei sperrte die Wege ab.



Übrigens kam es am Samstag leider mal wieder zu einer größeren Schießerei in der Nähe meiner Wohnung. Grund dafür war wohl eine großangelegte Polizeiaktion an diesem Wochenende, bei der die Favela der Mare besetzt wurde, um auch hier eine UPP einzurichten. Jeder Riotourist, der am internationalen Flughafen ankommt kennt die Mare, denn sie liegt auf dem Weg ins Zentrum auf der rechten Seite der Stadtautobahn. Sie ist die letzte größere Favela, die noch vor der WM besetzt werden musste.


Schließlich gedenkt Brasilien heute dem Militärputsch  von vor 50 Jahren. Am 31.03.1964 rollten die ersten Panzer auf Rio de Janeiro zu und besetzten Regierungsstellen. Am 01.04.1964 wurde Präsident João Goulart des Amtes enthoben. Es folgten 21 Jahre Militärdiktatur. 

Sonntag, 30. März 2014

Deportivo Cali - O´Higgins, 1:1

Bei dem Libertadoresspiel zwischen Deportivo Cali aus Kolumbien und O´Higgins aus Chile ist diese Woche ein kurioses Tor gefallen. Ein Stürmer von Cali rannte schon auf den Schiri zu, um einen Elfer zu fordern, da kullerte ihm der Ball vor die Füße. Er nutzte kurzer Hand die Gelegenheit und erzielte den Ausgleich. Der Elfer wäre berechtigt gewesen, wurde aber hinfällig.

Montag, 24. März 2014

Audax – Macaé, 0:1


Die Woche war sehr beunruhigend für die Organisatoren der Großereignisse. Donnerstagnacht kam es in Manguinhos, in Rios Nordzone, zu einer Schießerei zwischen Polizei und Drogenbanden. Das ist überraschend, denn eigentlich war es die letzen Jahre ruhig und man ging davon aus, dass die Polizei die Situation im Griff hat. Aber scheinbar sind trotz Befriedungsprogramm noch viele Waffen im Umlauf.
Wegen der Schießerei wurden zwei Stadtautobahnen und eine Zuglinie gesperrt. Die Konsequenz war, dass sich der Verkehr bis in die Südzone gestaut hat. Besonders Knotenpunkte wie die Tunnels Rebouças und Santa Barbara waren betroffen. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Botafogo und bemerkte das Problem anhand von LED-Schildern, die auf den Stau hinwiesen. Immerhin funktionieren diese Schilder. So konnte ich die kritischen Stellen umfahren.


Am Sonntag stand dann der letzte Spieltag der Gruppenphase der Riomeisterschaft auf dem Programm. Leda und ich fuhren zum Abstiegsduell zwischen Audax aus São João de Meriti in der Peripherie von Rio und der Elf aus dem Strandort Macaé. Da das Stadion von Audax zu klein ist, muss der Verein in andere Stadien ausweichen. Die Wahl fiel auf das „Schöne Mädchen“, so die Übersetzung von „Moça Bonita“ in Bangu. Der Anfahrtsweg ist ziemlich einfach, da das Stadion direkt an der Zugstation Guilherme Silveira liegt.


Bangu ist einer der traditionellen Klubs der Riomeisterschaft. Das sieht man auch dem 1947 eingeweihten Stadion, das zu den Schmuckstücken der Liga gehört, an. Leider konnte man kein volles Haus erwarten, da es 1. Stark regnete und 2. Die Heimmannschaft gar nicht auflief. 267 Zuschauer verliefen sich dann auf den Rängen, die für knapp 10.000 Platz bieten.


Der Verein Audax ist Teil eines Konzerns, der sein Geld mit Supermärkten verdient. Dieser Konzern hat angekündigt aus dem Klub auszusteigen. Die Auswirkungen dieses Schritts hat die Mannschaft scheinbar ziemlich schnell gespürt und fand sich am letzten Spieltag auf einem Abstiegsplatz. Sie musste gewinnen und gleichzeitig Resende verlieren, um sich noch zu retten. Die Spieler stemmten sich sichtbar gegen den Abstieg, versiebten aber alle Chancen. Noch in der ersten Halbzeit habe ich zu Leda gesagt: „Macaé wird gewinnen!“


Es kam, wie es kommen musste: Audax musste irgendwann das Spiel öffnen und Macaé kam in den letzten zehn Minuten zu mehreren Großchancen. Inklusive ein Schuß aufs leere Tor, der noch irgendwie von einem Abwehrspieler über das Tor gelenkt wurde. Aber in der 89. Minute erzielte Macaé das Siegtor. Audax ist damit, neben Duque de Caxias, abgestiegen.


Neben mir saß ein Herr, der wohl meinen Akzent hörte und mich während des Spiels ansprach: „Arbeiten sie auch mit Spieler?“. Ich verneinte, aber wir kamen so ins Gespräch. Sein Name ist Celso und er ist Spielerberater. Er erzählte mir, dass er mit Alexandre Martin, dem Berater von Ronaldo, zusammenarbeiten würde und seine Schützlinge auf verschiede Vereine in Rio verteilt seien. Aber das wichtigste Projekt sei der Verein São Cristóvão, bei dem Ronaldo seine Kariere begann und der jetzt in der dritten Liga ist.


Sie hätten angeblich Investoren (eine Brauerei) gefunden, um das Stadion von São Cristóvão in eine kleine Arena umzubauen. So soll der Klub zurück in die erste Liga kommen und so die Spieler besser vermarktet werden. Es gibt in Brasilien gerade mal wieder eine große Diskussion über Sinn und Unsinn der Regionalmeisterschaften. Besonders die Spielervertretung „Bom Senso FC“ tritt für eine Abschaffung oder Verringerung der Regionalmeisterschaften ein. Celso ist natürlich ein Fan dieser Wettbewerbe: „Hier in der Riomeisterschaft kann ich Talente entdecken.“ Somit findet er die Positionen des „Bom Senso FC“ nicht gut. Das ist der Grund warum die Regionalmeisterschaften trotz des niedrigen Zuschauerschnitts weiterleben.



Doch zurück zum Tabellenstand. An der Spitze hat sich jetzt schon seit ein paar Spieltagen nichts verändert. Somit kennen wir jetzt die Halbfinalpaarungen: Flamengo – Cabo Frio  und Fluminense – Vasco. Die Spiele werden diese Woche mit Hin- und Rückspiel im Maracanã ausgetragen.

Sonntag, 16. März 2014

Portuguesa – Tigres, 1:0


Es ist mal wieder an der Zeit etwas Zweitligafußball zu sehen. Leda, Thomas und ich machten uns deshalb per Bus auf den weiten Weg auf die Insel Ilha do Governador. Sie liegt weit in der Nordzone Rios und ist ein typisches Suburbio. Auf der Insel befindet sich auch der internationale Flughafen Rio de Janeiros. Gleich nach dem Flughafen kommt ein riesiges Militärgelände, an dessen Ende wir aussteigen müssen. Links geht man dann in ein hübsches Wohngebiet, in dem sich das Vereinsgelände von Portuguesa befindet.


Aber die erste Sensation ist der Bierstand vor dem Stadion, der große Lautsprecher in seine Fenster gestellt hat. Aus ihnen dröhnt schnulzige Schlagermusik. Als wir ankommen machen sich die Jungs von der Torcida gerade auf, um ins Stadion zu gehen. Wir trinken noch ein Bier und gehen dann auch rein. Die Portuguesa ist ein typischer Stadtteilverein mit Sporthalle, Schwimmbad und sogar Tischfußballabteilung. Das Vereinsgebäude ist ein Betonbauwerk aus den 60er oder 70er Jahren.


Es fanden sich etwa 200 Fans auf der Tribüne ein, die erstaunlich weit weg vom Rasen ist. Aber die große Show hat sicherlich die Torcida abgezogen. Etwa 30 Jungs haben sich in einem Viereck an der Brüstung aufgestellt und schmetterten ununterbrochen ihre Lieder. Dabei folgten sie der aktuellen Moder der „argentinischen“ Torcidas. Sie sangen argentinische Lieder - argentinischer Rhythmus und Musikinstrumente - aber mit portugiesischen Texten. Da Portuguesa der Verein der portugiesischen Gemeinde ist, bezeichneten sie sich als Portugiesen. Ganz schön international.  


Auch benutzen sie die vertikal gespannten „Barras“ und die kleinen Blockfahnen „trapos“, original wie im südlichen Nachbarland. Auf einem Transparent stand: „Heute wird es ein Zebra geben“, gemeint ist ein Außenseitersieg. Dabei ist Portuguesa doch Spitzenreiter der zweiten Liga. Aber drei Verfolger haben noch zwei Nachholspiele.


Insgesamt war das Spiel ein grausames Gekicke. Der Platz hilft natürlich auch nicht unbedingt. Der Ball sprang einfach in die Richtung in die er wollte. Aber irgendwie konnte Portuguesa dann das Spiel doch 1:0 gewinnen und schaut jetzt auf die anderen Stadien.



Wir machten uns auf den Weg zu einer der bekannten Fischkneipen der Insel. Zufällig hielt vor dem Stadion ein Kleinbus an die Ribeira und ließ uns direkt an der Petisqueria Martinho raus. Dort konnten wir die Aussicht auf das Tijuca-Gebirge und das Stadtzentrum im Sonnenuntergang genießen. Unser Menü bestand aus: mit Maniokmehl gefüllte Tintenfische, frittierte Garnelen und eine portugiesische Räucherwurst. Ach ja, und verschiedene Nachtische. Schön war´s auf der Insel. 

Montag, 10. März 2014

Cruzeiro – Tupi, 2:1


Es regnet – Endlich! In Rio war dieser Sommer einfach unerträglich heiß und trocken. Es hat fast zwei Monate nicht geregnet. Ich habe das Wochenende in Belo Horizonte verbracht und fand dort angenehme 20° vor. Somit konnte ich ein Spiel des Campeonato Mineiro, also der Meisterschaft von Minas Gerais, anschauen. Auf dem Programm stand der brasilianische Meister Cruzeiro gegen Tupi aus Juiz de Fora im WM-Stadion Mineirão.   


Zufällig war mein Freund Peer auch gerade in BH und so machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach interessanten Geschichten. Peer wollte die Fantribüne erklimmen und etwas über die Veränderungen der Fanszene erfahren. Das ist uns auch gelungen. Erst Mal konnten wir schon bekannte Phänomene beobachten: Fünf Minuten vor Anpfiff war das Stadion noch so gut wie leer. Später waren dann doch 12.000 Fans da. Aber der Schnitt der Minasmeisterschaft liegt auch nur bei etwa 3.000. Außerdem wird es immer schwerer Torcidas Organizadas zu erkennen: Fahnen, Transparente und Trommeln wurden zur Mangelware. Immerhin hält man in BH am traditionellen Stadionessen, dem Feijão Tropeiro, eine Bohnen-Maniok-Mischung fest.  


Ich konnte mich noch dunkel daran erinnern, dass es Nachrichten gab, dass Cruzeiro allen Torcidas den Zutritt verwehrt hätte. Als wir auf den Oberrang kamen, fanden wir jedoch eine Gruppe mit Namen „Geral Celeste“, die eifrig trommelten und sangen. Sie zeigten das Verhalten, das seit etwa 2007 in Brasilien in Mode ist: argentinische Lieder und wenig Schimpfwörter. Irgendwann sah ich dann sogar einen Fan, der Flyer verteilte, auf dem die Fans dazu aufgefordert wurden nicht auf den Sitzen zu stehen. Peer nannte das dann später streberhaft.


In der Halbzeitpause interviewten wir Leonardo, den Präsidenten der Geral Celeste. Er erklärte uns, dass seine Gruppe eine „gute“ Torcida sei, die Gewalt und Schimpfwörter ablehnt. Sie haben keine eigenen Mitglieder, sondern alle Fans der Geral Celeste sind Mitglieder beim Verein Cruzeiro. Damit soll alles für den Verein getan werden. Der Mitgliedsbeitrag beträgt R$120, also etwa €40, alle Heimspiele von Cruzeiro sind da inklusive. Bedenkt man, dass selbst das Spiel gegen Tupi R$80 gekostet hat, so ist das günstig. Gar nicht günstig ist es natürlich für den Fabrikarbeiter, der R$700 im Monat bekommt.


Leonardo erklärte uns auch, dass die traditionellen Torcidas im Moment nicht ins Stadion dürfen, da es letztes Jahr Zwischenfälle gab. Die Geral Celeste ist von diesem Stadionverbot aber verschont geblieben. Dem Verein und seiner Marketingabteilung muss so eine Torcida ja Recht sein.
Insgesamt verkörpert die Geral Celeste sehr gut die neuen Zeiten im brasilianischen Fußball: die neuen Fans haben Geld, um sich die teuren Monatsbeiträge zu leisten, sie distanzieren sich von rauem Fangehabe und finden die neuen Arenen toll. Eines muss man ihnen lassen: gute Stimmung haben sie gemacht. Überhaupt haben diese neuen Fangruppen ein gutes Gespür für neue Ohrwürmer. (www.geralceleste.com.br)


Themenwechsel: nach dem Spiel trafen wir den Spieler Tinga von Cruzeiro, der schon beim BVB aktiv war. Er kam ins Gespräch, da er bei einem Libertadores-Spiel in Peru rassistisch beleidigt wurde. Danach gab er ein Interview, in dem er sagte: „Ich würde alle meine Trophäen zurückgeben, wenn ich sowas nicht mehr mitmachen müsste.“ Letzte Woche gab es auch zwei Zwischenfälle in Brasilien: in São Paulo und Rio Grande do Sul. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich auch in Brasilien noch viel höher.  
Tinga war sehr nett und sagte uns im Interview, dass es leider überall auf der Welt Rassismus gäbe. Ihm würde es als Fußballspieler leichter fallen darüber hinwegzusehen. Interessant fand ich die Parallelen, die er zu Deutschland zog. Tinga analysierte, dass es den Brasilianern an Bildung fehlen würde. Seine Kinder sind in Deutschland zur Schule gegangen und haben immer berichtet, dass es dort Aufklärung gegen Rassismus gab. Das würde in Brasilien komplett fehlen und müsste dringend nachgeholt werden. In Deutschland hätten weder er noch seine Familie Rassismus erlitten.



Diese Beobachtung ist interessant, denn meistens meint man, dass Deutschland rassistisch wäre und Brasilien antirassistisch. Was uns Tinga erzählt dreht dieses Weltbild auf den Kopf. Sicherlich gibt es in Deutschland weiterhin Idioten, die rassistische Parolen brüllen. Aber es ist auch meine Erfahrung, dass man in Deutschland mit antirassistischer Aufklärung nur so überschüttet wird. Die Brasilianer verharren jedoch in ihrer sorglosen und unreflektierten Überzeugung, dass sie keine Rassisten wären. Das geht sogar soweit, dass sich der ein oder andere zum Moralapostel anderen Ländern gegenüber aufschwingt. Da brauchen wir noch viele Tingas.